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Trauer braucht Ausdruck und Gemeinschaft

 

Gedichte

 

„Nicht Worte sollen wir lesen, sondern den Menschen,
den wir hinter den Worten fühlen.“

 Samuel Butler, engl. Schriftsteller †1902

 

In den letzten Wochen haben uns zu unserem Aufruf dieser Online-Aktion viele Gedichte erreicht - einige mit einer persönlichen Geschichte dazu, einige ohne Erklärung aber mit dem Wunsch, es mit Ihnen allen zu teilen. Gedichte - eine Art des Ausdrucks, die uns vertraut ist: sie begegnen uns in der Trauerarbeit immer wieder. Schon in der Traueranzeige in der Zeitung ist es vielen Menschen wichtig, dass ein Sinnspruch zu lesen ist. Manchmal ist es ein Spruch aus der Bibel, manchmal ein Zitat eines bekannten Schriftstellers oder der Teil eines Gedichtes.


Angehörige erzählen oft, dass ein bestimmtes Gedicht sie besonders begleitet hat, da sie es mit ihrem lieben Menschen, der verstorben ist, verbinden. Manchmal ist es ihr gemeinsames Lieblingsgedicht, sie werden an eine bestimmte Situation erinnert oder sie haben es ihrem lieben Menschen am Sterbebett noch einmal vorgelesen.


In der Trauerrede werden oft Gedichte verwendet. Diese können einen Bezug zum Verstorbenen und seiner Familie haben oder man benutzt sie, um Gefühle, die schwer zu fassen sind, in Worte zu kleiden. Viele Dichter und Schriftsteller haben Worte gefunden, um unaussprechlich scheinendes greifbar zu machen – in Metaphern, in Bildern und Figuren, manchmal mit Humor oder Ironie, manchmal in düsteren und traurigen Darstellungen.

 

In der Trauer können uns immer wieder neue Gefühle ereilen. Traurigkeit, Verzweiflung, Wut, tiefe Liebesgefühle, Einsamkeit, Angst, Hoffnung, Glück, Verbundenheit… Wie in unserem Aufruf steht: Trauer braucht Ausdruck, diese Gefühle brauchen Ausdruck! Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen; Trauernde suchen sich ihren individuellen Weg. Ein Weg kann sein, Gedichte zu lesen oder zu schreiben: Seine Emotionen und Gedanken niederzuschreiben, in eine Form zu bringen oder durch die gelesenen Worte eines anderen, die eigenen Gedanken wiedergespiegelt zu finden. Manchmal regen uns Gedichte auch zum nachdenken an, wir interpretieren sie auf unsere eigene Weise oder geben den Worten selbst weniger Bedeutung und erkennen mehr eine Stimmung, die transportiert wird.

All das und vieles mehr können Gedichte. Darum haben wir uns sehr gefreut, dass uns viele Zuschriften erreicht haben, die sich auf ein Gedicht beziehen. Wir möchten uns dafür herzlich bedanken und teilen die Gedichte nun gerne mit allen:

Was ist Sterben?

 


Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte
wie es am Horizont verschwindet.
Jemand an meiner Seite sagt: "Es ist verschwunden."
Verschwunden wohin?
Verschwunden aus meinem Blickfeld - das ist alles.
Das Schiff ist nach wie vor so groß wie es war
als ich es gesehen habe.
Dass es immer kleiner wird und es dann völlig aus
meinen Augen verschwindet ist in mir,
es hat mit dem Schiff nichts zu tun.
Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben
mir sagt, es ist verschwunden, gibt es Andere,
die es kommen sehen, und andere Stimmen,
die freudig Aufschreien: "Da kommt es!"
Das ist sterben.

 
Charles Henry Brent

 

 

Im Dunkeln

 

 

Dunkelheit hat mich verschlungen,

hat mein Innerstes durchdrungen

und ich fühle mich so klein.

Jemand kommt, dass er mich leite

zu dem Licht in ferner Weite

und er wälzt den Stein.

 

Ich bin müde und zerschlagen

und ich hab so viele Fragen,

fühl mich einsam und allein.

Jemand hält mich an den Händen,

macht, dass alle Schmerzen enden

und er wälzt den Stein.

 

Ich kann nicht im Dunkeln gehen,

kann den Weg doch gar nicht sehen.

In der Ferne glänzt der Schein.

Jemand kann die Schatten teilen,

meine Wunden mir verheilen

und er wälzt den Stein.

 

Ich spür Trost und Hoffnung kommen,

Angst und Schmerzen sind genommen.

Alles ist so klar und rein.

Jemand führt mich in den Garten,

wo schon viele Freunde warten

und er wälzt den Stein.


 
Wolfgang Pusch

 

"Ich habe dieses Gedicht erst vor kurzen zum ersten mal gesehen, im Zusammenhang mit der Trauerfeier einer Frau die ich gar nicht so gut kannte. Jedes Mal wenn ich es lese, scheint es wieder zu mir zu sprechen, es wird etwas berührt. Es hilf mir mit alter Trauer, und auch Trauer, die noch nicht ganz da ist, aber sich schon vorbereitet (falls so was möglich ist). Ich wollte es gerne mit anderen teilen:"

 

Death Is Nothing At All

 

Death is nothing at all.
It does not count.
I have only slipped away into the next room.
Nothing has happened.
Everything remains exactly as it was.
I am I, and you are you, and the old life that we lived so fondly together is

untouched, unchanged.
Whatever we were to each other, that we are still.
Call me by the old familiar name.
Speak of me in the easy way which you always used.
Put no difference into your tone.
Wear no forced air of solemnity or sorrow.
Laugh as we always laughed at the little jokes that we enjoyed together.

Play, smile, think of me, pray for me.
Let my name be ever the household word that it always was.
Let it be spoken without an effort, without the ghost of a shadow upon it.

Life means all that it ever meant.
It is the same as it ever was.
There is absolute and unbroken continuity.
What is this death but a negligible accident
Why should I be out of mind because I am out of sight
I am but waiting for you, for an interval, somewhere very near, just round the corner.
All is well.
Nothing is hurt; nothing is lost.
One brief moment and all will be as it was before.
How we shall laugh at the trouble of parting when we meet again!

 

Henry Scott Holland

"An einem Herbsttag ist mein bester Freund gestorben. Ich war nie gläubig und habe mich nie mit Gott oder Religionsfragen beschäftigt. Aber sein Tod hat vieles in meinem Leben verändert, neue Fragen sind aufgetaucht. Dieses Gedicht von Rilke hatte mir damals Jemand aus dem Bekanntenkreis geschickt und zuerst konnte ich damit nichts anfangen. Ich war traurig und auch wütend über den Verlust meines Freundes - die Zeilen sagten mir gar nichts. Nach ungefähr einem Jahr, fiel mir die Karte mit dem Gedicht wieder in die Hände und ich musste lächeln: so vieles hatte sich geändert. Meine Trauer hatte sich gewandelt und auch einige meiner Einstellungen.

Auf einmal las ich die gleichen Zeilen und sie bedeuteten mir plötzlich so viel. Ich erkannte meine Trauer, meine Einsamkeit darin wieder aber auch ein Gefühl, das sich neu in mir entfaltet hatte: eine Art Gewissheit, dass etwas Großes und Schützendes über uns wacht. Was immer dies genau bedeutet aber ich glaube, wir müssen keine Angst haben."

 

"Vor fünf Jahren ist mein Mann verstorben. Wir waren 31 Jahre verheiratet und bis heute vermisse ich Ihn jeden Tag. Ich habe ihn durch seine Krankheit begleitet und im Sterben seine Hand gehalten. Sein Pflegebett stand so ausgerichtet, daß er durch unsere großen Terassenfenster in den Himmel schauen konnte. Ich hatte oft das Gefühl, daß er weniger Angst vor dem Sterben hatte, als vielmehr davor, mich alleine zu lassen. Immer wieder haben wir zusammen in den Himmel geschaut und er hat gesagt "Du wirst nicht alleine sein, ich sitze dann da oben und schau zu dir runter" und wir haben uns gemeinsam Sterne ausgesucht, auf denen er "rumspringen" wird.
Nach seinem Tod kam ein Freund zu Besuch, der mir einen Umschlag in die Hand drückte. Darin war eine Kette mit Sternenanhänger und das Gedicht "Letzte Worte" von Annette von Droste Hülshoff. Er hatte dies als Geschenk für mich vorbereitet und einen Freund beauftragt, mir dies nach seinem Tod zu übergeben. Man kann sich vorstellen, was mir das bedeutet hat. Bis heute trage ich die Kette jeden Tag und wenn ich an den Sternenanhänger greife, fühl ich mich ihm immer noch ganz nah. Das Gedicht möchte ich gerne teilen:"

 

Das Gesellenstück

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Mahagoni auf Eiche furniert.
Deckel sauber scharniert.
Alle Bretter gefedert, gespundet.
Die Ecken fein weich gerundet.
Die Seitenwände mit tief geschnitzten
Weintrauben und Schellfischen geziert.
Das war bei Weber in Osnabrück
Mein Gesellenstück.

 

Selbst Wasmann und Peter sagten 1910:
Solch einen Sarg hätten sie noch nie gesehn.

 

 

Ohne mich rühmen. Das soll einer machen.
Und dabei alles selber gemacht.
Die Griffe kupfergeschmiedete Drachen,
Die Füße gedrechselt

(((Acht, sacht, Pracht, lacht, gedacht)))
Auf den Deckel in Rundschrift fein säuberlich
Eingebrannt: »Sarg für Frau (Doppelpunkt Strich)«.
Inwendig ein rosshaargepolstertes Bett,
Rosa Pünktchen auf Gelb-Violett.
Ich habe manchmal des Studiums wegen
24 Stunden darin gelegen.
Da war ein durch schöne Bilder verdecktes
Speiseregal zur linken Hand,
Wo Camembert, Zwieback und Butter stand
Und Trockengemüse und Eingewecktes.

 

Auf den leisesten Druck mit der Zehe im Schlaf
Löste sich zu Fußende ein Kinematograph
Und zeigte abwechselnd »Brudermord«
Und »Torpedoangriff an Steuerbord«.
Alle zwei Stunden von selbst automatisch
Spielte ein Grammophon ganz zart:
»Ich bin der Doktor Eisenbarth.«

 

 

Außerdem roch es dort sehr sympathisch
Nach Moschus, Kampfer und kalter Küche.
Von wegen die Leichengerüche.
Und dann die Technik und das Komfort:
Kalender, das Telefon rechts am Ohr,
Glühbirnen und Klingeln. Ein tolles Gewirr.
Auch ein kleines, versilbertes Nachtgeschirr. –
Und Wasserstandglas und Thermometer.
Kurz herrlich! herrlich! – Wasmann und Peter
Hätten mir glattweg fünftausend Mark
Und doppelt soviel gezahlt für den Sarg.

 

Und das war damals ein Geld, wenn man's denkt.

 

Aber ich hänge nicht so am Golde. –
Und so hab ich ihn dann meiner Tante Isolde
Zum 70. Geburtstag geschenkt.

 


Silke Ahrens
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